Die Krankheit nach der Krankheit

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Long Covid: Wie Oytens junge Handballerin Laura Sposato mit den Folgen ihrer Corona-Erkrankung umgeht

Der Frust saß bei Laura Sposato im Frühling 2022 extrem tief. Da war einerseits der Abstieg aus der 3. Liga, den die Handballerin mit dem TV Oyten hinnehmen musste. Besonders war sie jedoch mit ihren eigenen Leistungen unzufrieden, die sie in der Saison 2021/2022 zeigte. Als frühere Zweitligaspielerin wollte sie sich in den Vordergrund spielen, was ihr kaum gelang. Trotz des Abstiegs blieb sie ein „Vampire“. Die Außenspielerin hatte sich fest vorgenommen, den Abstieg wieder auszubügeln. Sie wollte in der Oberliga zeigen, was in ihr steckt. Sie wollte angreifen. Doch für Laura Sposato kam alles anders: Bereits gegen Ende der Vorsaison erkrankte sie an Corona. Mit den Folgen der Virusinfektion kämpft sie noch heute, wodurch sich das Leben der 23-Jährigen komplett verändert hat.

„Früher war ich so gerne unterwegs. Zurzeit bin ich aber froh, wenn ich nach Hause komme und die Tür schließe. Seit fast einem Jahr trete ich auf der Stelle. Das geht an die Substanz“, sagt Laura Sposato über ihr seelisches Befinden. Dass sie mit gesundheitlichen Problemen kämpft, ist ihr nicht anzusehen. Allein schon deshalb nicht, weil sie ihr Lächeln nicht verloren hat. Als Außenstehender war ihr auch zu Saisonbeginn nicht anzumerken, dass Corona tiefe Spuren hinterlassen hat. Laura Sposato stand in den ersten vier Spielen noch im Kader. Sie war dabei, als der TV Oyten nach dem Abstieg in die Oberliga einen gelungenen Start hingelegt hatte. Immerhin sechs Tore gelangen der Linksaußen in diesen vier Begegnungen.

Allerdings: Ihr ging es zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr gut. Die Folgen ihrer Corona-Erkrankung – auch Post-Covid genannt – hatten ihren Alltag da schon auf den Kopf gestellt. Zum bisher letzten Mal tauchte ihr Name am 1. Oktober 2022 beim Remis gegen Dinklage im Spieltagskader des Spitzenreiters auf. Seitdem wiederholt Oytens Trainer Kai Freese bei den Vorbesprechungen der Ligapartien einen Satz stets: „Laura fällt aus – wegen Long Covid.“

Dieser Begriff fällt häufig, seitdem das Coronavirus in der Welt ist. Für Laura Sposato bedeutet er: chronische Müdigkeit, Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit. Davon wird die junge Frau seit vielen Monaten begleitet. Hervorgerufen werden die Symptome bei ihr durch das Fatigue-Syndrom. Medizinern ist diese Krankheit schon lange bekannt. Mittlerweile ist Gewissheit, dass Fatigue durch eine Corona-Erkrankung hervorgerufen werden kann. Das zeigten unter anderem Untersuchungen der Charité in Berlin.

Der Tag, an dem ihr Leidensweg begann, ist in Laura Sposatos Kopf noch sehr präsent. „Am Ostermontag hatte ich einen positiven Corona-Test, nachdem ich aus dem Urlaub gekommen bin“, sagt die Studentin. Begleitet werden diese Worte von einem kleinen Seufzer. Damals sei ihr nicht in den Sinn gekommen, dass sie die Infektion dermaßen aus der Bahn werfen und ihr Leben verändern sollte. „Denn schlimme Symptome hatte ich nicht. Der Verlauf war normal. Es war mehr eine starke Erkältung.“

Rund zwei Wochen war sie positiv. Nachdem sie sich freigetestet hatte, standen die Handballerinnen des TV Oyten gerade vor dem Beginn der Abstiegsrunde in der 3. Liga. Laura Sposato wollte, obwohl es ihr besser ging, nicht sofort wieder trainieren. „Denn ich habe das alles schon mit Respekt behandelt.“ Ob sie schon ahnte, was noch passieren sollte, bleibt offen. Jedenfalls fuhr ihre Gesundheit seitdem Achterbahn: „Eine Woche nach dem Freitesten ging es mir plötzlich richtig schlecht – unabhängig von Corona. Ich war nicht wieder positiv, hatte aber so ziemlich alle Symptome, die man sich bei schweren Erkältungen vorstellen kann.“

Nach zwei weiteren Wochen fühlte sie sich gesund. Die Werksstudentin entschied sich, wieder zu ihrem Job zu gehen. „Doch dann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Hier stimmt irgendwas nicht. Das ist nicht normal.“ Den Grund für diesen Gedanken kann Laura Sposato deutlich schildern: „Wenn ich mich morgens angezogen habe, war ich sofort kaputt und konnte mich gleich wieder hinlegen. Direkt nach dem Aufstehen war der Tag für mich schon gelaufen.“ Über 14 Tage habe sie fast nur im Bett gelegen.

Bei der Erschöpfung blieb es aber nicht. Ihr Zustand wurde verworrener: „Ich musste in der Zeit mein Geburtsdatum in ein Formular eintragen. Ich wusste das richtige Datum. Aber dennoch habe ich eine falsche Zahl geschrieben.“ Vermehrt fiel ihr auf, dass sie beim Schreiben von Nachrichten Fehler machte, die sie von sich so nicht kannte. „Das ist immer häufiger aufgetreten. Gemerkt habe ich das erst, wenn ich noch einmal drübergelesen habe. Teilweise haben ganze Satzteile gefehlt. Zudem ist mir das Sprechen schwergefallen.“ Selbst beim Autofahren den Rückwärtsgang zu finden, sei ihr manchmal nicht gelungen. „Das war schon beängstigend“, beschreibt Laura Sposato ihre Gefühle.

Im Sommer habe sich ihre Situation jedoch verbessert. Die Werksstudentin raffte sich auf, ging zur Arbeit. Am Tag habe sie vier Stunden gearbeitet. „Was auch absolut in Ordnung war.“ Allerdings merkte sie recht schnell, dass es ihr beim Lesen weiter schwerfiel, die Zusammenhänge der Texte zu verstehen. „Ich habe gelesen und gedacht: Keine Ahnung, was du da liest. Deshalb macht es für mich zurzeit auch keinen Sinn, meine Bachelorarbeit zu schreiben“, macht Laura Sposato deutlich, dass ihre gesundheitlichen Probleme Auswirkungen auf ihre beruflichen Pläne haben. Im Job sei sie dennoch „klargekommen“, wie sie es formuliert.

Und dann kehrte der Handball in ihr Leben zurück. Beim TV Oyten startete die Saisonvorbereitung. Laura Sposato war dabei. Sie spürte aber schnell, dass ihr Körper nicht mitmachte. Die Erschöpfung nahm erneut zu, die Schwächen beim Lesen und Schreiben traten wieder deutlicher hervor. „Daraufhin hat meine Hausärztin mich zu einem Neurologen geschickt.“

Dieser Schritt sollte zu einem Wendepunkt werden: „Im Endeffekt war es das Allerbeste, was mir passieren konnte. Denn der Neurologe konnte mir erklären, was mit mir los ist.“ Nach mehreren Tests bekam sie ihre Diagnose: Fatigue – eine dauerhafte Müdigkeit. Es bedeutet auch: „Mein Schlaf reicht nachts nicht aus, um zu regenerieren. Es genügt nicht, einfach länger zu schlafen.“ Eine Folge sei eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit. „Stand jetzt, ist es eine Erklärung, warum ich Probleme beim Lesen und Schreiben hatte.“ Das Fatigue-Syndrom sei auch der Auslöser, dass sie in der aktuellen Handball-Saison kaum für den TV Oyten auf dem Feld stand. „Wir hatten es vor der Diagnose so gemacht, dass ich so lange spiele, bis ich nicht mehr kann. Doch die Zeit, um mich zu erholen, wurde immer länger, aufgrund der Fatigue. Wir hätten meine Regeneration anders steuern müssen. Bis zur Diagnose wussten wir es aber ja nicht besser“, sagt sie.

Ihr Neurologe empfahl ihr dennoch, oft beim Team zu sein. „Denn es ist für mich wichtig, unter Menschen zu sein. Ich solle meinen Sport machen.“ Doch die gesundheitliche Achterbahnfahrt setzte sich fort. „Schon morgens war ich manchmal völlig fertig. Sowohl geistig als auch körperlich.“ Zum Training fuhr sie dennoch, wenn sich Laura Sposato gut fühlte – als Zuschauerin. Doch selbst das Zusehen hätte sie überfordert und geschwächt. „Deshalb hat mir Kai sogar zeitweise ein Hallenverbot erteilt“, sagt die 23-Jährige. Mit Abstand kann sie heute sogar ein wenig darüber schmunzeln. „Er wusste ja auch, dass es mir schlecht geht.“

Momentan sei sie weiterhin nicht in der Lage Handball zu spielen. Besser geht es ihr dennoch. „Zurzeit kann ich meinen Alltag in Maßen bewältigen. Im Job habe ich soweit alles im Griff. Ein wenig jogge ich wieder und mache auch Krafttraining.“ Die vergangenen Monate haben ihr aber gelehrt, vorsichtig zu bleiben und sich selbst keinen Druck zu machen. „Wichtig ist, dass ich mich mit meiner aktuellen Situation arrangieren kann.“ Eine große Hilfe sei dabei ihr Umfeld. „Familie, Freunde, die Kollegen auf der Arbeit, mein Dozent an der Uni und die Mädels aus meiner Mannschaft gehen mit meiner Situation sehr verständnisvoll um. Wenn ich zum Beispiel in die Halle komme, freuen sich alle. Bin ich nicht da, ist es auch in Ordnung.“

Weitere Untersuchungen und möglichst eine Reha sollen helfen, damit es für Laura Sposato, die im Sommer 2021 vom SV Werder Bremen zum TV Oyten wechselte, weiter bergauf geht. Am Ende soll für sie der Zeitpunkt kommen, an dem sie sagen kann, sie ist wieder gesund. Dieser ist aber noch weit entfernt: „Mein Neurologe ist zuversichtlich, dass ich geheilt werden kann. Allerdings kann es ein halbes bis Dreivierteljahr dauern.“ Diese Geduld will Laura Sposato unbedingt aufbringen und die Hoffnung auf eine vollständige Genesung nicht verlieren. Das versichert die junge Frau: „Natürlich wäre es schön, wenn ich in dieser Saison noch einmal fünf Minuten mit den Mädels auf dem Feld stehen könnte. Es geht für mich aber eben nur in Babyschritten voran. Und es ist superwichtig, dass ich das akzeptiert habe.“

Quelle: Achimer Kurier – Autor: Florian Cordes

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