Eine andere Art von Atmosphäre beim Heimspiel des TV Oyten

Ohne Zuschauer in der Pestalozzihalle pushen sich die Drittliga-Frauen des TV Oyten selbst zum Sieg. Allerdings mussten sich die Protagonisten erst einmal an die Atmosphäre gewöhnen.


Die Mannschaft ist motiviert, die Tribüne fast menschenleer. Es war ein ungewohntes Bild, das sich am Sonntag in der Oytener Pestalozzihalle präsentierte. (Björn Hake)

Noch schnell eine Bockwurst oder ein belegtes Brötchen essen, um den kleinen Hunger zu stillen. Ein heißer Kaffee, damit die Sonntags-Müdigkeit aus dem Körper verschwindet. Vor dem Anpfiff einen kurzen Plausch mit anderen Zuschauern abhalten. Es sind Dinge, die zum Sport gehören. Beim Betreten der Oytener Pestalozzihalle wurde am Sonntag allerdings schnell klar, dass es dieses Drumherum nicht gibt. Die Halle war beim Drittliga-Spiel zwischen den Handballerinnen des TV Oyten und dem SC Alstertal-Langenhorn so gut wie leer (wir berichteten). Es herrschte eine Atmosphäre, wie man sie aus Oyten so gar nicht kennt: ein Geisterspiel eben.

Im und vor dem kleinen Kiosk – in der Pestalozzihalle so etwas wie der Treffpunkt bei den Heimspielen der „Vampires“ – stand beim ersten Heimspiel der neuen Saison kein Mensch. Der Rollladen war runtergelassen, das kleine Häuschen verrammelt. Auch an einem großen Edelstahlbecken, das im Rahmen des TVO-Hygienekonzepts aufgestellt wurde, wusch und desinfizierte sich niemand die Hände. Wer auch? Denn schließlich waren neben den Protagonisten auf dem Feld, einer Handvoll Offizieller, zwei Pressevertretern und Fotografen sowie den beiden Hallensprechern keine weiteren Menschen in der Halle zugelassen. Ursprünglich waren laut des Hygeniekonzeptes etwas mehr als 50 Zuschauer erlaubt.

Trauer bei den Beteiligten

Weil die Corona-Zahlen im Kreis Verden aktuell durch die Decke schießen, wurde kurzerhand der Entschluss gefasst, die erste Heimpartie des TVO zu einem Geisterspiel zu machen. Die extra abgeklebten Sitzplätze blieben verwaist. So leid es den Verantwortlichen auch tat. „Alle Beteiligten sind traurig, ohne Zuschauer in die Saison zu starten. Allerdings ist auch dies die einzige Möglichkeit, Gefahren zumindest zu reduzieren“, sagte Spartenleiter Daniel Moos, als der Entschluss gefasst worden war.

Traurig war auch die Mannschaft. Schließlich ist das erste Heimspiel einer neuen Saison immer ein Höhepunkt. Nach der langen Vorbereitung gieren Sportler darauf, sich ihrem eigenen Publikum zu präsentieren. Für Julia Reinefeld war es gleich doppelt bitter, dass am Sonntag keine Fans da waren. Für die Rückraumspielerin war es erst das zweite Pflichtspiel im Trikot der „Vampires“ – und eben der erste Auftritt in der Pestalozzihalle. Ihre Premiere hätte sich Reinefeld eigentlich anders vorgestellt. „Am Anfang hat es sich schon komisch angefühlt, dass keine Zuschauer da waren – keine Freunde oder jemand aus der Familie“, sagte sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Besonders das Einlaufen in die Halle und die anschließende Vorstellung der Spielerinnen – was in vielen Handball-Hallen ein wichtiger Teil eines Heimspiels ist – habe sich komisch angefühlt, meinte Reinefeld. Von der Tribüne kam diesmal kein Klatschen, kein Rufen, kein Trommeln. Einfach nichts. „Eigentlich winkt man als Spielerin ja auch kurz, wenn der Name ausgerufen wird. Ich persönlich habe es aber nicht gemacht“, sagte der Neu-„Vampire“. Lediglich Torhüterin Romina Kahler, die dem TVO später mit ihren Paraden den 24:23-Sieg retten sollte, hob kurz die Hand. „Dennoch war es gut, dass wir das gemacht haben. Sonst hätte es sich wohl komplett wie ein Trainingsspiel angefühlt“, sagte Reinefeld über das Prozedere vor dem Spiel.

Während der Partie habe sie es dann komplett ausgeblendet, dass die Tribüne fast menschenleer war. „Und es war ja auch Stimmung da. Wir haben sie selbst auf dem Feld und der Bank gemacht.“ Zudem habe der Hallensprecher dafür gesorgt, dass Heimspielatmosphäre herrschte, meinte Julia Reinefeld. Wenn auch auf eine andere Art.

Fabian Kahler, Hallensprecher und Bruder von Torfrau Romina Kahler, war es in der Tat kaum anzumerken, dass er ein Spiel moderierte, dass wegen der fehlenden Zuschauer ein anderes war. Er gab an seinem Mikrofon einfach Vollgas. Er hat schon etliche Handballspiele als Sprecher begleitet. Doch eine Partie wie am Sonntag in Oyten war auch für ihn eine ganz neue Erfahrung. „Zu Beginn war es schon sehr komisch“, sagte Kahler. Vor dem Spiel sei er sich noch gar nicht sicher gewesen, ob er sein normales Programm abspulen soll. „Ganz ohne Musik und Stimmung am Mikrofon würde dann aber ja auch etwas fehlen“, meinte Kahler. Es sei ihm auch darum gegangen, die Mannschaft zu motivieren. Darüber hinaus wurde das Spiel per Livestream auf Facebook übertragen. „Man hat die Moderation also auch dafür gemacht. Und scheinbar kam es im Internet gut rüber“, freute sich der Moderator.

Im Verlaufe der Partie habe er sich zudem an die Atmosphäre der anderen Art gewöhnt. „Da ging es dann mehr darum, mit der Mannschaft mitzufiebern“, erzählte Kahler. Und das tat er bis zum erlösenden Schlusspfiff. Als dieser ertönte, war es den „Vampires“ eh egal, ob nun Fans da waren oder nicht. In diesem Moment zählte einzig und allein der Sieg. „Darauf waren wir nach der Auftaktniederlage gegen Henstedt alle heiß. Wir wollten es wieder gut machen. Auch wenn nicht alles tippi-toppi war: Zwei Punkte, sind zwei Punkte“, bilanzierte Julia Reinefeld.

Quelle: Achimer Kurier - Autor: Florian Cordes

27.10.2020, 05:50 Uhr Presseberichte