Trainer Thomas Cordes: „Meine Spieler sind Vorbilder“

Die Hälfte der Saison hat der TV Oyten in seinem zweiten Jahr in der Jugendhandball-Bundesliga hinter sich. Nun zieht Trainer Thomas Cordes eine Bilanz.

Im letzten Spiel des Jahres 2017 hat Ihre Mannschaft gegen Sieverstedt in letzter Sekunde verloren. Jetzt lief es ein wenig anders: Im Heimspiel gegen Potsdam, der letzte Auftritt 2018, markierte Max Borchert mit dem Schlusspfiff den Treffer zum 29:29. Steht dieses Remis symbolisch für die Entwicklung, die Ihre Mannschaft in ihrem zweiten Jahr in der Jugendhandball-Bundesliga genommen hat?
Thomas Cordes: Das ist schwer zu sagen, ob man das direkt an diesem einen Spiel festmachen kann. Erst mal ist unser Punktekonto ein bisschen besser als zur gleichen Zeit im Vorjahr (Ende 2017 waren es 5:21 Punkte, jetzt 6:16, Anm. d. Red.). Wobei man fairerweise sagen muss, dass uns noch das Spiel gegen Bad Schwartau fehlt (die Partie wurde auf den 20. Januar verlegt, Anm. d. Red.). Von daher könnte es sogar noch ein bisschen besser aussehen. Generell könnte man das schon ein wenig davon ableiten. Es ist aber schwer, die Entwicklung anhand von diesem einen Spiel abzuleiten. Insgesamt haben wir die Spiele, die wir gewinnen können, im Grunde für uns entschieden. Damit meine ich Cottbus und Rostock. Wobei wir zu Hause gegen den BSV Magdeburg beim Unentschieden auch einen Punkt liegen gelassen haben. Das Heimspiel hätten wir gerne gewonnen, genauso den Heimauftritt gegen den HSV Hamburg. Das war auch unnötig, dass wir hinten raus mit drei Toren verlieren. Das ist ein bisschen schade. Sonst hätten wir nun anstatt sechs bereits neun Punkte. Dann wäre man auch tabellarisch ein bisschen weiter vorne. Grundsätzlich ist es für uns aber super, dass wir die schwierige Qualifikation geschafft haben. Diese Leistung ist nach wie vor Wahnsinn.
Vergangene Saison haben Sie zur Halbserie gesagt, Sie seien zufrieden. Das kann jetzt – ein Jahr später – eigentlich nicht anders klingen.
Ich bin auch diesmal absolut zufrieden. Auch mit den ganzen Dingen, die das Ganze so mit sich bringt. Wir hatten vor der Saison ein paar Veränderungen vorgenommen. Zum einen wurde die Kooperation mit unserer ersten Herrenmannschaft gestärkt. Wir haben zudem Spieler, Max Borchert als Beispiel genannt, die bei einer Oberliga-Mannschaft mit Doppelspielrecht unterwegs sind (Borchert läuft seit Oktober für die SG Achim/Baden auf, Anm. d. Red.).



Thomas Cordes hatte mit dem TV Oyten eine schwierige Phase zu Saisonbeginn zu bewältigen. Doch das Team hat sich gefangen und ist im Oberhaus auf Kurs.

Und das sehr erfolgreich...Sehr erfolgreich, absolut. Ich freue mich mega für den Jungen. Das ist für seine Entwicklung gut und zeigt auch, dass wir in Oyten eine gute Arbeit gemacht haben. Noah Dreyer und Malte Meyer sind da auch nicht zu vergessen (beide sind vor der Saison zur SG Achim/Baden gewechselt, Anm. d. Red.). Das sind Jungs, die man in den eigenen Bereichen hatte. Da bin ich a) stolz und b) glücklich, dass wir sie weiterhin in unserer Region haben.
Welche Spieler haben sich in der ersten Halbserie dieser Spielzeit besonders hervorgetan?
Ich denke, das kann man aufteilen. Mit Johannes Seliger und Leonard Fischer hatte ich zwei Spieler aus dem jüngeren Jahrgang, die haben eine exzellente Vorbereitung gespielt. Da haben sie sich sehr hervorgetan. Zu Saisonbeginn hatten sie dann aber das Problem, dass wir mit drei Auswärtsspielen gestartet waren. Das war für die jungen Spieler nicht einfach. Aber die Entwicklung von den beiden genannten Spielern plus Niko Korda, der gerade in den letzten Partien eine aufsteigende Form gezeigt und auch in der Qualifikation schon eine wichtige Rolle eingenommen hat, ist erfreulich. Chris Ole Brandt ist da auch zu erwähnen, neben unseren „Dauerbrennern“ Max Borchert, Timo Blau und wie sie alle heißen.
Gibt es ein Ereignis aus der Hinrunde, das besonders im Gedächtnis geblieben ist? Die Spiele gegen die Topteams gehören ja nicht mehr dazu. Das kennen Sie ja nun mittlerweile.
Das ist tatsächlich das Potsdam-Spiel. Wir hatten noch acht Sekunden auf der Uhr, der Gegner hatte den Ball und nimmt eine Auszeit. Da überlegst du als Trainer natürlich, was man sagen soll. Da versucht man, die Spieler einfach zu motivieren, was in dieser kurzen Zeit noch möglich ist. Dass man doch noch das Glück hat und den Fehler des Gegners provoziert, das ist auch symbolisch für das, was das Team seit Jahren auszeichnet: dass es nie aufgibt und kämpft. Daher bleibt mir der Punkt gegen Potsdam immer im Gedächtnis.
Den ersten Saisonsieg haben Sie erst im siebten Spiel geholt. Gefühlt wurde es da im Umfeld ein bisschen unruhig. Wurden die Ansprüche zu hoch gesteckt?
Man kann gerne meine Statements aus dem Sommer nehmen. Da hatte ich gesagt, ich würde mich freuen, wenn wir am Ende eine stetige Weiterentwicklung hinbekommen haben. Im besten Fall mit einer besseren Platzierung als im Premierenjahr. Ich hatte aber genauso gesagt, dass unser Auftaktprogramm ordentlich sein wird. Da haben wir auswärts in Potsdam und Flensburg gespielt und hatten dann das Derby beim HC Bremen. Ich wusste, dass wir mit 0:6 Punkten starten könnten. Dass es dann auch so kam, war für mich wenig überraschend. Daher war ich damals auch recht aufgeräumt. Natürlich will man im Sport immer höher hinaus. Genauso muss man jedoch den Realismus an den Tag legen. Dass bei 0:6 Punkten Enttäuschung da ist, ist ganz normal. Ich sage aber auch, wir sind im Jugendhandball. Da beeinflussen auch andere Dinge die Leistung. Von daher war das für mich auch keine Situation, über die man sich freut. Aber ich habe da auch nicht die berühmte Flinte ins Korn geworfen. Umso schöner ist es, dass wir jetzt schon zweimal auswärts gewonnen haben. Nun stehen wir besser da als vor einem Jahr. Deshalb ist der schwächere Saisonstart für mich auch Schnee von gestern.
Welches Ziel haben Sie sich für die Rückrunde gesetzt? Ich denke, an vorderster Stelle steht, ein Heimspiel zu gewinnen.
Ja, natürlich. Wir sind zu Hause sicherlich zu Besserem im Stande. Wobei die Partien gegen Potsdam und Hamburg gut waren. Da haben wir anständige Leistungen abgerufen. In der Rückrunde wollen wir möglichst viele Punkte holen. Das möchte ich aber nicht auf die Heimspiele beschränken. Für viele Spieler ist es das letzte A-Jugend-Jahr. Da sollte für sie schon der Ansporn sein, die Spiele, die wir gewinnen können, auch gewinnen zu wollen. Dementsprechend gehen wir die Rückrunde auch an.
Platz sechs, der zur direkten Bundesliga-Qualifikation berechtigt, ist fünf Punkte entfernt. Ist das Erreichen dieses Platzes ein realistisches Ziel?
Man soll ja niemals nie sagen. Wenn man allein die drei verlorenen Punkte aus der Hinrunde nehmen würde, ist man schon ganz dicht dran an diesem Platz. Für solch eine Geschichte müsste aber auch wirklich alles passen. Gegen Mannschaften, gegen die man gewinnen sollte, darf man dann keine Federn lassen. Komplett auszuschließen ist es aber nicht. Dennoch bleibe ich bei meiner Grundaussage: Wenn wir am Ende besser abschneiden als im ersten Bundesliga-Jahr, ist das für mich ein riesiger Erfolg.
Schön wäre Platz sechs für den TV Oyten aber schon, wenn man dadurch die Qualifikation umgehen könnte. Schließlich werden die Bundesliga-Staffeln zur neuen Saison von zwölf auf zehn Mannschaften reduziert.
Mit zehn Teams pro Staffel wird eine Qualifikationsrunde sicher nicht einfacher. Ich bin nie ein großer Rechner in diesem Bereich gewesen. Wir sind gut beraten, unsere Leistungen zu stabilisieren. Dann kommen einige Punkte von ganz allein. Ich wünsche mir halt, besser als im Premierenjahr abzuschneiden. Dann nehme ich gerne einen sechsten Platz. Wenn es nur der siebte oder achte wird, dann ist das für mich auch in Ordnung.
Aber die Verkleinerung der Bundesliga ist gerade für die kleinen Klubs keine allzu schöne Sache...
Dass die Staffeln von zwölf auf zehn Teams reduziert werden, ist in meinen Augen auch nur der erste Schritt. Die Grundsätzlichkeit, dass bundesweit auf zwei Staffeln verkleinert wird, das wird kommen. Das werden wir noch erleben. Vielleicht gibt es dann eine Zwischen-Liga. Ich glaube, das Premiumprodukt Jugend-Bundesliga, wie wir es aktuell erleben, wird die nächsten zehn Jahre nicht überleben. Für Vereine wie uns, die noch dörflich strukturiert sind, ist das schon eine Katastrophe. Bei uns sind Woche für Woche 300 Zuschauer auf der Tribüne. Da sitzen auch Kinder, die dadurch zu unserem Sport kommen. Meine Spieler sind auch Vorbilder. Das muss man so sagen. Wir haben zudem medial ein großes Interesse. Unsere Sportart ist präsent. Es wäre für den Handball wichtig, dass es auch den einen oder anderen Dorfklub in der Bundesliga gibt. In der letzten Saison waren ja auch Sieverstedt und Bookholzberg dabei. Da war die Bude bei den Heimspielen ebenfalls bis zum Anschlag voll. Man hat über Handball gesprochen. Das war Thema. Die Topteams tragen bei diesen Spielen, auch wenn sie hoch gewinnen, zu einem tollen Event bei. Ich weiß daher nicht, ob man immer alles unter den Leistungsgedanken stellen sollte. Ich fände es schade, wenn der Zugang für kleine Klubs und Regionen nicht mehr gegeben wäre.
Und Bob Hanning, Trainer der Füchse Berlin, hat sich bei seinen beiden Auswärtsspielen in Oyten sehr wohlgefühlt...
Definitiv. Wir haben vor Kurzem noch über dieses Thema gesprochen. Es ist aber immer noch so, dass es zwei verschiedene Welten sind. Was zum Beispiel die Füchse Berlin oder der SC Magdeburg seit Jahren für Nachwuchsarbeit machen, ist mit uns überhaupt nicht vergleichbar. Es sind zwei Welten, die nur schwierig zusammenzuführen sind. Das ist aber auch gar nicht schlimm. Die Mannschaften, die wir in Oyten begrüßen durften, haben sich alle wohlgefühlt. Weil es eine tolle Atmosphäre bei uns ist.
Zusammengefasst: Langsam muss man sich an den Gedanken gewöhnen, dass wir zurzeit das letzte Bundesliga-Jahr mit dem TV Oyten erleben?
Schwer zu sagen. Mit dem Jahrgang, der als Nächstes kommt, hat man sicher noch einmal die Chance, sich zu qualifizieren. Ich habe immer Wert darauf gelegt, uns punktuell so zu verändern, dass wir über ein drittes Jahr nachdenken können. Wir haben sicher eine Mannschaft, die die Qualifikation spielen kann. Ganz ausschließen würde ich es daher nicht. Was ich aber auch deutlich sagen muss: Wegen dem, was die Leistungszentren inzwischen betreiben, und wegen der Anforderungen, die die Liga mit sich bringt, würde ich nicht mehr meine Hand dafür ins Feuer legen, dass so ein Bundesliga-Thema im A-Jugendbereich hier bei uns in der Region ohne Weiteres wieder möglich ist. Es ist möglich, aber unheimlich schwer
.Wie geht es mit Ihnen nach der Saison weiter?
Spannende Frage. Ich habe schon ein erstes Gespräch mit dem Vorstand hinter mir. Es gibt klare Tendenzen, was meine Person angeht. Jetzt ist es aber noch ein bisschen zu früh, final etwas zu sagen. Grundsätzlich wird es eine Veränderung geben. Was das genau und wie beinhaltet, würde ich jetzt noch zurückstellen.

Quelle: Achimer Kurier - Autor: Florian Cordes

20.12.2018, 18:16 Uhr Presseberichte