Ein besonderer Freitagabend

Spiel meines Lebens

Mit dieser Mannschaft habe sie es geliebt, Handball zu spielen, sagt Kim Pleß noch heute. Gemeint ist das Drittliga-Team des TV Oyten der Saison 2012/2013. Mit diesem Team wurde sie Meister.


Kim Pleß gehörte über viele Jahre zu den Leistungsträgerinnen beim Handball-Drittligisten TV Oyten. (Björn Hake)

Alles gipfelte an einem Freitagabend. Es war der 12. April 2013. An jenem Tag hatten die Handballerinnen des TV Oyten ihren Matchball, um die Meisterschaft in der 3. Liga Nord endgültig unter Dach und Fach bringen. Die Pestalozzihalle war voll besetzt, die Gastgeberinnen der klare Favorit. Oyten war Tabellenführer, die SG Knetterheide/Schötmar steckte mitten im Abstiegskampf. Die Begegnung war keine spannende – die „Vampires“ gewannen mit 42:24. Für Kim Pleß ist sie dennoch unvergessen geblieben. Denn mit dem TVO machte sie an jenem Freitagabend einen Titel mit einer Mannschaft klar, in der sie sich extrem wohl gefühlt hat. Und dieses Gefühl, mit diesem Team die Meisterschaft gewonnen zu haben, macht die Partie gegen Knetterheide zu ihrem Spiel des Lebens.

„Wir wussten alle, dass es schon wichtig wäre, wenn wir das Spiel gewinnen“, erinnert sich Kim Pleß. Denn die „Vampires“ wollten im Saisonendspurt keine Zweifel mehr aufkommen lassen. Zu gut waren die Monate davor verlaufen. Vier Partien standen für Oyten noch an, aus diesen musste das Team zwei Punkte einfahren, um Meister zu werden. „Das sollte zu schaffen sein“, sagte vor dem ersten Matchballspiel selbst Sebastian Kohls. Der damalige Coach der Oytener Frauen stand während seiner Amtszeit eher für die vorsichtige Herangehensweise, war in seiner Rolle als Drittliga-Trainer nie der Lautsprecher.

Zu Hause eine Macht

Dass die Meisterprüfung gegen Knetterheide erfolgreich abgelegt werden würde, glaubte aber nicht nur der Coach. Kim Pleß war ebenfalls davon überzeugt. „Wir hatten damals einen guten Tag erwischt. Die Mannschaft hat in diesem entscheidenden Spiel funktioniert – wie schon in der gesamten Saison“, sagt Kim Pleß heute.Die „Vampires“ legten in der Tat eine beeindruckende Spielzeit 2012/2013 hin. Vor allem in der Pestalozzihalle war die Mannschaft eine Macht: Von den 13 Spielen vor eigenem Publikum gewann Oyten zwölf. Nur dem späteren Vizemeister VfL Oldenburg II gelang es beim 22:22, zumindest einen Punkt aus der Höhle der Fledermäuse zu entführen. 

Dass ausgerechnet ein Team aus dem Tabellenkeller den vorzeitigen Titelgewinn noch verhindern würde, damit hätten vor rund acht Jahren wohl selbst die größten Tiefstapler nicht gerechnet. Eigentlich hätte das Heimspiel gegen SG Knetterheide/Schötmar viel früher im Jahr 2013 ausgetragen werden sollen – und zwar im Februar. Allerdings waren die Straßenverhältnisse damals witterungsbedingt dermaßen schlecht, dass der Gegner aus Ostwestfalen die Reise nach Oyten gar nicht erst antrat. 

In dem Nachholspiel versetzte der TV Oyten seine Anhänger ganz früh in Feierstimmung: Schon nach einer Viertelstunde waren alle Zweifel – sofern es je welche gegeben hatte – beseitigt: Die Gastgeberinnen überrannten den Kontrahenten aus dem Tabellenkeller in der Startphase förmlich. Schnell führten Pleß und Co. mit 6:0, später mit 12:4. In der Folgezeit spielte sich der neue Meister in einen Rausch.

In der Schlussphase aufgedreht

Coach Kohls gönnte sich zudem den Luxus, früh und viel durchzuwechseln. Jede Spielerin sollte an diesem Feiertag ihre angemessene Spielzeit erhalten. Das führte vorübergehend zwar zu einigen Reibungsverlusten, gefährlich nahe kam der Außenseiter dem Favoriten aber nie. Und mit Beginn der Schlussphase drehten die „Vampires“ noch einmal auf und bauten ihren Vorsprung aus. „Wir haben alle zusammen einen geilen Handball gespielt“, freut sich die 31-jährige Kim Pleß noch heute. Zudem galt dieser Satz eben nicht nur für die Begegnung gegen Knetterheide.

Nach dem Schlusspfiff gab es bunte Frühlingssträuße für die Oytener Damen, und der Löwenanteil der 300 Zuschauer harrte noch lange auf den Rängen aus, um jeder einzelnen Spielerin den verdienten Applaus zu spenden. Zwei Tage später stand der neue Meister dann schon wieder in der Pestalozzihalle. Schließlich war für den 14. April 2013 die Partie gegen die HSG Menden-Lendringsen terminiert. Und wieder jubelte der TVO: Mit 39:33 wurde das drittletzte Saisonspiel gewonnen.

„So richtig gefeiert haben wir dann aber erst nach dem letzten Saisonspiel“, erinnert sich Kim Pleß, die vor kurzem eine Tochter zur Welt gebracht hat. In der besagten finalen Partie empfing Oyten die HSG Osterode am Harz und siegte mit 37:32. Nach dem Schlusspfiff wurde aber nicht nur gefeiert. Es kullerten auch viele Tränen. Denn das Meisterteam wurde nicht nur geehrt, es standen auch viele Abschiede an: Lisa Rajes schloss sich dem Bundesligisten HSG Blomberg-Lippe an. Die Schwester von Kim Pleß, Carolin, wechselte zur HSG Badenstedt, Miriam Thamm zum VfL Oldenburg II. Genauso wurde Ivonne Krängel verabschiedet, die es beruflich nach Hamburg zog. Einige Wochen nach der Saison 2012/2013 gab auch Julia Züter ihren Abschied bekannt.

Viele Freundschaften im Team

Auch wegen all dieser Abschiede denkt Kim Pleß gerne an jenen Freitagabend im April 2013 und die gesamte Spielzeit zurück: „Über all die Jahre waren wir zu einem echten Team zusammengewachsen. Für mich war es auch etwas Besonderes, mit meiner Schwester den Titel zu gewinnen.“ Für Kim Pleß sei es die beste Mannschaft gewesen, in der sie jemals gespielt habe. „Mit diesem Team hätten wir auch in der 2. Liga eine gute Rolle spielen können“, urteilt die frühere Rückraumspielerin. Der Verein nahm sein Aufstiegsrecht damals allerdings nicht wahr. 

Lange Zeit hatte sie noch ein Siegerfoto von der damaligen TVO-Mannschaft an der Wand hängen. „Es sind damals viele Freundschaften entstanden. Obwohl wir in verschiedene Richtungen gegangen sind, sind wir irgendwie doch zusammengeblieben.“ Wenn es die Zeit zulässt, stehen immer mal wieder Treffen an. „Wegen Corona können wir das zurzeit ja leider nicht“, bedauert die junge Mutter. Wenn sie ihre alten Weggefährtinnen aber wiedersieht, ist es sicherlich nicht auszuschließen, dass sie sich alle an einen Freitagabend im April 2013 erinnern.

Zur Sache

Dramatischer Schlussspurt

Der Gewinn der Meisterschaft im Jahr 2013 war für Kim Pleß nicht der letzte Drittliga-Titel, den sie mit dem TV Oyten gewonnen hat. Vier Jahre später war es erneut so weit. Allerdings gab es zwei gravierende Unterschiede: Im Jahr 2017 machten die „Vampires“ den Titel auswärts klar – und das auch erst am letzten Spieltag.

Die größte Dramatik des Saison-Endspurts sollte sich aber bereits einen Spieltag zuvor in der Pestalozzihalle abspielen. An diesem empfing der Tabellenführer aus Oyten seinen ärgsten Verfolger, den SV Henstedt-Ulzburg. Nur ein einziges Pünktchen trennte die beiden Teams in der Tabelle voneinander.

Was sind dann in der Halle abspielen sollte, war an Spannung nicht zu überbieten. Henstedt führte 60 Sekunden vor dem Abpfiff mit 30:28. Doch Oyten kam noch zum Unentschieden. Den Treffer zum 30:30-Endstand markierte Jana Kokot per Siebenmeter. Der TVO hatte die Tabellenführung verteidigt. Der Jubel in der rappelvollen Pestalozzihalle war riesig.

Eine Woche später machten Kim Pleß und Co. die Meisterschaft perfekt. Durch ein 29:29 beim HSV Minden-Nord schnappten sich die „Vampires“ den einen noch fehlenden Punkt. Dieser reichte, weil Henstedt sein letztes Spiel in Jörl verlor.

Quelle: Achimer Kurier - Autor: Florian Cordes

12.04.2021, 11:33 Uhr Presseberichte